Marita
Sie rollte
verzweifelt mit den Augen. Ja, ja sagte ihr Ehemann, bevor er sich
wieder dem Fernsehprogramm widmete. Marita ballte die Hände zu Fäusten,
bis die Knochen weiß hervortraten. Sie hasste ihn. Ja, sie hasste ihn!
Sein verdammt überhebliches, selbstsicheres Getue, seine
Unzufriedenheit ihr gegenüber, sein notorisches Genörgel. Nichts, was
sie machte, war gut genug für ihn. Gegenüber anderen Menschen war er
stets charmant, hilfsbereit, aufopfernd. Marita hatte sich so oft
gewünscht, dass die anderen auch mal Andreas wahres Gesicht sehen
würden!
Seit nunmehr 10 Jahren waren sie verheiratet, und doch
konnte sie die Komplimente, der ihr er in der Zeit gemacht hatte, an
den Händen abzählen. Ebenso die Geschenke, die er ihr gemacht hatte.
Und wofür sie sich interessierte, mit was sie sich beschäftigte, weckte
nicht im Geringsten sein Interesse. Wenn er sich zu einer Reaktion
hinreißen ließ, dann nur mit stoischer Arroganz und Herablassendheit.
Sie war in seinen Augen schlichtweg ein minderwertiger Mensch, mit
minderwertigen Hobbies, mit minderwertigen Freunden. Auch ließ er keine
Gelegenheit aus, seine Frau vor Bekannten als dumm und unfähig
hinzustellen...
Marita war eine impulsive, emotionale Frau und die
immerwährende, zermürbende Ignoranz und Demütigung ihres Angetrauten
tötete sie von Innen. Wann hatte es angefangen? Diese Frage hatte sie
sich oft gestellt in letzter Zeit, sie war bei bestem Willen nicht in
der Lage, den genauen Zeitpunkt zu bestimmen. Natürlich hatte sie
Andreas mal geliebt, sicher...nur schien es ihr, als hätten die Jahre
und der Alltag - dieses gut getarnte, gefräßige Ungeheuer - alle Liebe,
Verständnis, Zärtlichkeit und Leidenschaft gnadenlos verschlungen.
Marita
drehte sich um und ging in die Küche. An der Arbeitsplatte schloss sie
kurz die Augen und atmete tief durch, bevor sie das Brot aus dem
Brotkasten holte, die Butter und den Schinken aus dem Kühlschrank nahm.
Mühsam Tränen unterdrückend bereitete sie das Abendbrot, das sie kurze
Zeit später ihrem Mann servierte. Er schaute nicht einmal auf, nicht
mal ein Danke hatte er übrig - stumm auf die Glotze starrend, nahm er
ein Brot und kaute.
Marita ging
wieder in die Küche, holte sich den Wodka aus dem Kühlschrank, trank
direkt aus der Flasche einen großen Schluck. Sie hatte keinen Hunger;
sie wusste nicht, was sie [i]überhaupt[/i] hatte - sie stand einfach in
der Küche, die Flasche in der einen Hand und die andere Hand an der
Arbeitsplatte. Ihr Blick fiel auf das Schinkenmesser; fast mechanisch
wanderte ihre Hand dorthin. Sie umfasste es fest und hob es vor ihre
Augen. Das untergehende Sonnenlicht, das durch die halb
heruntergelassene Jalousie des Küchenfensters brach, ließ die Klinge
kurz aufblitzen.
Marita kniff die Augen zusammen und sah sich in der Klinge spiegeln;
ihr aschblondes, glattes Haar lag sanft ruhend auf ihrem Dekollete und ihre blau-grauen Augen blickten ihr trübe entgegen.
Marita
schüttelte den Kopf, so als wäre sie eben aus einer Art Traum erwacht,
und legte das Messer zurück. Sie stellte sich an die Spüle und machte
sich an den Abwasch. Dabei schweiften ihre Gedanken ab; sie dachte an
die Träume, die sie als junges Mädchen gehabt hatte - eine
Schriftstellerin wollte sie werden. Ihre Fantasie war schier
unerschöpflich gewesen und bis in die Oberschule hinein hatte sie in
Aufsätzen immer eine Eins bekommen. Es hatte sogar eine Lehrerin
gegeben, die den Verdacht gehabt hatte, dass Marita einen Aufsatz von
einem Erwachsenen schreiben ließ und einen Lehrer, der eines ihrer
Werke seinen Freunden vorgelesen hatte, weil er es so großartig fand.
Aber
aus Maritas Träumen war nichts geworden - viel zu früh hatte sie den
Alkohol für sich entdeckt und die Jungs, so das sie oft die Schule
schwänzte und schließlich nur mit Ach und Krach und einigen
Schulwechseln den Hauptschulabschluss packte. Ihre Eltern steckten sie
schnell in eine Lehre zur Bürokauffrau, die sie nur durch die
Beziehungen ihres Vaters antreten konnte - einer seiner
Geschäftsfreunde hatte ihm noch einen Gefallen geschuldet.
Marita
trocknete das letzte Glas ab und stellte es in den Schrank. Das Dröhnen
des Fernsehers, dass sie bisher nicht richtig wahrgenommen hatte,
schien auf einmal ihren ganzen Kopf auszufüllen. Sie hielt sich den
Schädel und schluchzte leise. Abrupt wandte sie sich der Waschmaschine
zu und begann die Schmutzwäsche zu sortieren. Andreas Hosen waren als
Letztes dran; wie gewohnt durchsuchte sie jede Hosentasche, sie
förderte Zigarettenkippen zutage, Kaugummipapier und Zettel...plötzlich
sie wurde stutzig. Ruf mich an, die Nacht war wundervoll stand auf
einem kleinen, zerknitterten, rosafarbenen Zettel. Marita kniff die
Augen zusammen. Was...
Wie eine Besessene wühlte sie auf einmal in
den Hosentaschen, den vorderen wie den hinteren; sie ließ auch die
Innentaschen und Nähte nicht aus. Am Ende lagen fast ein Dutzend Zettel
vor ihr auf dem Küchenboden; alle mit Frauennamen und Telefonnummern
bekritzelt - manche mit ähnlich eindeutigen Botschaften wie auf dem
rosa Zettel, einige noch deutlicher.
Nein... Maritas Stimme war nicht mehr als ein Röcheln; Sterne tanzten vor ihren Augen und der Boden schien sich zu bewegen.
Urplötzlich sprang sie auf, war mit einem Satz bei der Arbeitsfläche, griff sich das Schinkenmesser und ging ins Wohnzimmer.
Andreas war eingeschlafen; sein Schnarchen passte rhythmisch zu dem Hip-Hop-Videoclip, der im Fernsehen lief.
Mit
leerem Blick und erhobenem Messer trat Marita zu ihm - wie mechanisch
stach sie auf ihn ein; sie hätte vor einem Richter oder Polizisten
nicht sagen können wie oft - sie stach in Andreas wabbelig gewordenes
Fleisch, ohne aufhören zu können. Das Blut spritzte in alle Richtungen,
auf Maritas weiße Rüschenbluse, auf den Boden, sogar auf den Fernseher;
der Wildledersessel, auf dem Andreas saß, wurde dunkel von Blut. Marita
begann irgendwann zu schreien - sie hielt das Messer inzwischen mit
beiden Händen und stach nur noch zu...
AAAHHH! Marita
richtete sich kerzengerade im Bett auf; sie war schweißgebadet. Hatte
sie im Schlaf geschrieen? Ihre Kehle fühlte sich trocken an, wie von
Nadeln durchsetzt.
Sie brauchte einige Minuten um sich
zurechtzufinden. Wirr sah sie sich um. Ja, alles in Ordnung, sie war in
ihrem Schlafzimmer im 1. Stock...
Aufstöhnend sank sie in ihre
Satinlaken zurück. Was für ein fürchterlicher Traum! Oh Gott, was für
ein Alptraum! Ihr Herz raste und ihr Atem ging rasselnd. Dann stand sie
entschlossen auf und ging ins Badezimmer. Dort schüttete sie sich
erstmal reichlich Wasser ins Gesicht und schaute in den Spiegel - ihre
Augen lagen in dunklen Höhlen und schauten sie trübe an. Mein Gott
murmelte sie halblaut vor sich hin und schrubbte sich mit einem
Handtuch das Gesicht.
Energisch schüttelte sie den Kopf.
Sie verließ
das Bad, lief den langen Flur entlang und warf einen kurzen Blick auf
die wertvollen Gemälde, die die Wände schmückten. Dieses großartige
Haus und die sehr teure Einrichtung verdankte Marita ihren Bestsellern;
sie war eine überaus erfolgreiche Schriftstellerin von Kriminalromanen
und schon mit mehreren Preisen - unter anderem dem Edgar Allen Poe
Preis - ausgezeichnet worden.
Marita lachte leise. Nach diesem irren
Alptraum hatte sie das Gefühl, sich an die Realität klammern zu müssen
– um sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig wieder in ihrer
wahren Welt gegenwärtig zu fühlen.
Sie stieg die mit Intarsien verzierte Treppe herunter und ging in die Küche, wo ihre Haushälterin das Frühstück vorbereitete.
Guten
Morgen, Inga! begrüßte Marita sie und setzte sich an den bereits
gedeckten Tisch. Guten Morgen lächelte Inga und bugsierte ein Spiegelei
auf einen der mit Blattgold umrandeten Frühstücksteller. Haben Sie gut
geschlafen? Marita lächelte zurück. Na ja, es geht. Ich hatte einen
furchtbaren Alptraum. Ich habe einen Mord begangen, stell dir vor! Sie
lachte und nahm einen Schluck von dem frisch gepressten Orangensaft,
der bereits auf dem Tisch stand. Inga lachte ebenfalls. Oh, na ja -
vielleicht sollten sie in Zukunft lieber Liebesromane schreiben, davon
bekommt man bestimmt nur schöne Träume! Zwinkernd servierte sie das
Frühstück. Marita lachte wieder. Vielleicht hast du recht, aber mit
Liebesromanen verdient man lange nicht soviel Geld, glaub mir!
Das
Frühstück schmeckte genauso gut wie es aussah und Marita hatte es
schnell verspeist. Inga stand am Spülbecken und wusch ab. Ach ja
bemerkte sie ihre Lektorin hat angerufen. Ich habe gesagt, sie rufen
zurück.
Marita nickte In Ordnung Sie stand auf - sie musste zur
Toilette und da sie momentan keine Lust hatte wieder nach oben zu
gehen, benutzte sie das kleinere Badezimmer im Erdgeschoss. Wieder
schaufelte sie sich am Waschbecken Wasser ins Gesicht, schüttelte den
Kopf und schaute in den Spiegel. Sie wirkte jetzt eindeutig wacher und
klarer; ihre aschblonden, glatten Haare lagen sanft ruhend auf ihrem
Dekollete und ihre blau-grauen Augen blickten ihr auffordernd
entgegen...
Marita lächelte ihr Spiegelbild an, als ihr Blick
zufällig auf den Wäschekorb fiel. Einem plötzlichem Impuls folgend hob
sie den Deckel an -
und hielt gleich drauf ihre weiße, blutbefleckte Rüschenbluse in den Händen.
© Darkness
Altlasten
Martina Behrend brütete gerade über den Fotos, als ihr Chef
-Oberhauptkommissar Krohn- auf ihren Schreibtisch zukam. “Behrend, ich mache
es kurz: Das hier ist ihr neuer Partner, Kommissar Matthias Grün.“ Mit
diesen Worten winkte er einen Mann von Mitte 30 an den Schreibtisch. Oh
nein, dachte sich Martina, das kann doch nur ein Scherz sein. Grün grinste
schelmenhaft von der einen zur anderen Seite seines etwas verlebten
Gesichtes. „Hallo Cheffin!“ er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und
grinste immer frecher. Das kann ja toll werden dachte Martina. “So, sagte
Krohn. “Nun lass ich sie beide allein, Behrend, klären sie ihn über den Fall
auf.“ Und verschwand. Martina seufzte. “Nun gut, Matthias…“Meine Freunde
nennen mich Matt“ unterbrach Grün sie „das haben die beiden schon immer
getan.“ „Ah ja. Also, kommen sie ja nicht auf die Idee, mich Tina zu nennen,
klar? Das dürfen nicht mal Freunde von mir.“ „Kein Problem, Schätzchen. Tina
passt ja wohl auch eher auf was Blondes, dickbusiges.“ Martina dachte nicht
lange nach „Hören Sie mal zu Sie großmäuliges Etwas! Wir haben hier einen
sehr ernsten Fall und ich habe keine Zeit und keine Lust auf irgendwelche
Spielchen, ok?“ Sie nahm ihre Brille ab und massierte mit zwei Fingern ihre
Nasenwurzel.“ „Auf was hättest du denn Lust?“ Martina
antwortete: „Ich wäre jetzt gern mit einem tollen Mann im Bett und danach in
einer Kneipe auf mind. ein halbes Dutzend Bier. Aber man kann ja nicht alles
haben, nicht wahr?“ Sie seufzte und setzte sich ihre Brille wieder auf. Grün
lachte. “Der war gut. Aber du hast recht: Wir sollten erstmal ein bisschen
arbeiten und danach können wir uns immer noch amüsieren.“ Martina musste
gegen ihren Willen grinsen. Dieser unverschämte Bastard lenkte sie
tatsächlich etwas von ihren trüben Gedanken ab. Aber leider nicht für lange.
“Hören
sie Matthias…Matt, was wissen Sie über den Fall bisher?“ „Nun,wir haben
ein Mordopfer. Erstochen. Männlich, deutsch, Mitte 50.Es
wurde völlig nackt auf einer Müllkippe gefunden.“ „Das ist alles?“ „Ja“
„Mmhh“ Martina sah ihm geradewegs in die Augen. “Die Klamotten waren nicht
das Einzige, das dem Herrn gefehlt hat.“ „Ach?“ fragte Grün erstaunt. “Was
denn noch?“ „Die Genitalien, mein Lieber.“ sagte Martina und lehnte sich
zurück.“ Sie wurden sachgemäß und überaus gründlich entfernt.“ Grüns Augen
weiteten sich „Du meinst…der Typ wurde kastriert?“ Martina nickte. “Ja, Sie
Sonnenschein. Alles weg.“ „Das gibt es doch nicht. Das ist doch krank!“ „Ja,
und außerdem verboten, genau wie Mord. Deshalb sind wir hier, wissen Sie
noch?“ Sie seufzte wieder und gab ihm eines der Polizeifotos. “Großer Gott
im Himmel“ rief Grün und sah nicht mehr ganz so fröhlich aus. “Ich glaube,
mir wird schlecht.“ „Ging mir auch so.“ sagte Martina und nahm die Fotos
wieder an sich. Dann reichte sie Grün einen Ordner. “Hier ist die Akte. Die
Identität konnte inzwischen festgestellt werden, die Hinterbliebenen sind
auch schon benachrichtigt worden. Aber die richtigen Ermittlungen, nun ja,
die dürfen wir durchführen – willkommen an Bord.Ein irrer Mörder ist unterwegs und wir dürfen ihn suchen.“
Grün überflog die Akte. “Wo wollen wir anfangen?“ fragte er als er sie
Martina zurückgab. Sie überlegte kurz. “Bei der Witwe, denke ich.“
Das Opfer war Werner Hoffmann, 54 Jahre alt und Zahnarzt gewesen.
Seine Witwe, Helene Hoffmann, war Ende 40, mittelgroß, schlank, elegant und
zurückhaltend. In Anbetracht der Situation nicht mehr ganz so zurückhaltend.
“Wer kann das nur getan haben?“ schluchzte sie, als Martina und Matt bei ihr
im Wohnzimmer saßen, einen salonartigen Raum mit teuren Möbeln und noch
teueren Statuetten und Vasen. “Genau das wollen wir herausfinden, Frau
Hoffmann“ sagte Martina. “Deswegen müssen wir ihnen ein paar Fragen stellen,
so schlimm das auch gerade für sie ist.“ „Ja“ sagte Frau Hoffmann und putzte
sich die Nase mit einem spitzenbesetzten Taschentuch. “Das verstehe ich,
natürlich. Aber wissen sie, es ist ja nicht allein die Tatsache, dass er
ermordet wurde sondern wie man ihn…wie man ihn verstümmelt hat.“ Sie blickte
die beiden Ermittler aus feuchten, grau-blauen Augen an. “Das alles kommt
mir vor wie ein Alptraum.“ „Ja, das glaube ich“ Martina legte ungeschickt
ihre Hand auf Frau Hoffmanns Arm, um sie zu trösten.
Drei Stunden später saßen Martina und Matt wieder im Dienstwagen und
starrten vor sich hin, beide einen Plastikbecher mit Kaffee in der Hand.
“Was hältst du von der Dame?“ brach Matt das Schweigen. “Keine Ahnung,
ehrlich gesagt.“ Hoffmanns Witwe hatte versichert, dass ihr Mann keine
Feinde gehabt und überall beliebt gewesen wäre. “Tz, sooo beliebt ja nun
wohl auch wieder nicht!“ meinte Matt trocken. Viel hatten sie von ihr nicht
erfahren können, daher hatten sie sich noch in der noblen Nachbarschaft
umgehört. Überall bekamen sie zu hören, wie vorbildlich die Ehe der
Hoffmanns gewesen war und was für ein netter Mann und tüchtiger Arzt Werner
Hoffmann. Und dass sie ihre Tochter Chantal – das einzige Kind – immer
verwöhnt und ihr alles ermöglicht hätten. “Eine echte Bilderbuchfamilie,
wie?“ spöttelte Martina im Auto. “Ich muss gleich kotzen!“ Matt lachte.
“Kommst du etwa aus keiner?“ „Ja na klar! Nach außen hin alles perfekt –
aber wehe man schaut mal genauer hin!“ sie fröstelte. “Hey, willst du nicht
reden?“ fragte Matt. “Nein danke!“ fauchte Martina. “ich werde dir jetzt
bestimmt nicht meine Kindheitstraumata verklickern. Das würde auch viel zu
lange dauern.“ „Bei mir geht es schnell“ grinste Matt. “Mein Vater hat
gesoffen, ständig mich und meine Schwester verprügelt und meine Mutter
betrogen. Die hat sich mit Freund Valium und Schwester Wodka getröstet und
sich im stattlichen Alter von 43 mitsamt ihrem Auto gegen einen Baum
gesetzt. Meine Schwester hat daraufhin die Stadt verlassen, einen Algerier
geheiratet und sich seitdem nicht wieder gemeldet. Ach ja und mein Vater
sitzt jetzt im Altersheim und hat viel Zeit zum Nachdenken – wenn er das
noch kann.“ „Oh mein Gott“ rief Martina entsetzt. “Das ist ja furchtbar!“
„Ja, das Leben ist schön“ sagte Matt und zündete sich eine Zigarette an.
“Und deshalb bin ich zur Polizei gegangen: Bis auf den Alkohol wollte ich
mit meinen Eltern nichts gemeinsam haben.“ Martina schluckte. “Bei mir war
es nicht ganz so schlimm. Mein Vater hat zwar auch getrunken, aber nicht
gerade exzessiv. Meine Mutter starb als ich zwei war und ich musste mich an
diverse ‚Tanten’ gewöhnen, die mein Vater ständig nach Hause brachte.“ Sie
schluckte. “Auch nicht so prickelnd“ sagte Matt und gab ihr eine
Zigarette. Schweigend rauchten sie. “So, was machen wir als nächstes?“
fragte Matt plötzlich. “Wir nehmen uns die perfekte Tochter vor. “sagte
Martina „aber erst morgen, für heute habe ich genug“ -und ließ den Motor an.
Chantal Hoffmann war eine hochgewachsene Brünette mit weiblicher Figur. Sie
bewohnte ein kleines Haus am Stadtrand. Nachdem sie sich ausgewiesen hatten,
führte sie sie in ein helles, gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Dort saß
eine blonde, zierliche Frau in Chantals Alter, die Chantal als ihre Freundin
Denise Burkhard vorstellte. “Mein Verlobter kommt auch gleich nach Hause, er
wird bestimmt dabei sein wollen“ sagte Chantal und bedeutet den Ermittlern
Platz zu nehmen, dann bot sie ihnen einen Kaffee an. “Wie lange kennen sie
und Chantal sich schon?“ fragte Matt Denise, als die Gastgeberin in der
Küche war. “Seit wir Kinder sind. Wir waren immer die besten Freundinnen und
haben auch zusammen in Berlin studiert.“ Einen Moment später hörte man einen
Schlüssel im Türschloss und ein großer, dunkelhaariger Mann betrat den Raum.
“Das ist mein Verlobter, Kilian Fischer.“ stellte Chantal ihn vor. Nach
einigen Erklärungen konnte endlich mit dem Gespräch begonnen werden. „Also,
was wollen sie wissen?“ fragte Chantal. “Ich kann ihnen bestimmt auch nicht
mehr sagen als meine Mutter. Ich kann mir bei bestem Willen nicht
vorstellen, wer meinem Vater das angetan haben könnte.“ „Haben sie denn
irgendwelche Anhaltspunkte?“ fragte Fischer und kniff die Augen zusammen.
“Nicht viel“ erwiderte Matt. “Der Tod trat durch 4 Messerstiche ins Herz
ein, die genitalen Verstümmelungen wurden post mortem vorgenommen. Und zwar
äußerst präzise. Wir gehen davon aus, dass der Täter gewisse Kenntnisse
besitzt.“ „Ach, wie ‚Jack the Ripper’, oder? Da war es doch ähnlich. “sagte
Fischer. “Ja. Ja, in der Tat da gibt es Parallelen.“ Matt schaute Kilian
direkt an. “Den Akten zufolge sind sie Allgemeinmediziner, nicht wahr, Herr
Fischer?“ Fischer schaute etwas verdutzt drein. “Ja, im Praktikum derzeit,
in der Ohlhoff -Klinik.“ „Aber sie werden ihn doch wohl nicht verdächtigen,
Herr Kommissar!“ Chantal war aufgesprungen. Matt blieb ganz ruhig. “Ich habe
lediglich eine Frage gestellt. Außerdem muss der Täter nicht zwangsläufig
aus der Medizin stammen – er könnte genauso gut ein Fleischer sein.“ „Ein
Fleischer“ wiederholte Fischer ungläubig. “Ja, Metzger. Wissen sie, die
Leute die Tiere zerstückeln, damit sie sich ein Schinkenbrot reinziehen
können.“ Erwiderte Matt gereizt. Oh oh dachte Martina, die beiden können
sich nicht riechen. “Fräulein Hofmann, “ sagte sie rasch. Wie war ihr
Verhältnis zu ihrem Vater?“. “Nicht besonders gut.“ gestand Chantal. „Er war
ein sehr strenger Mann, der immer etwas gegen meine Freunde hatte. Niemand
war ihm je gut genug und das galt auch für mich. Es reichte nicht, dass ich
ein gute Schülerin war, ich musste die beste sein.“ Sie senkte den Kopf und
schüttelte ihn leicht. „Und dann wollte er, dass ich Medizin studiere,
wenn’s geht natürlich Zahnmedizin.“ „Aber das haben sie nicht“ stellte
Martina fest, die sich die ganze Zeit über Notizen machte. „Nein“ erwiderte
Chantal. „Ich studierte BWL, Informatik und Marketing - ich habe mich
später erfolgreich im Marketing-Bereich selbständig gemacht.“ Martina
schrieb und nickte. „Wissen sie“ setzte sie an „dass ihr Vater so grausam
verstümmelt wurde muss irgendetwas zu bedeuten haben. Es soll symbolisch
wirken, wenn sie so wollen. Denn bei ähnlichen Morden konnte immer ein Bezug
zum Grund des Mordes hergestellt werden. Wenn dem Opfer beispielsweise die
Augen herausgestochen wurden, kann man davon ausgehen dass es zu Lebzeiten
etwas gesehen hat, was es nicht hätte sehen sollen. So etwas ist zb. bei
Mafia-Banden sehr üblich.“ „Mein Vater hat nie etwas mit der Mafia zu tun
gehabt!“ protestierte Chantal. „Lassen sie mich bitte ausreden“ bat Martina.
„Wenn man nun bedenkt, welche äh…Körperteile ihrem Vater entfernt wurden,
lässt dies nun gewisse Rückschlüsse zu.“ Chantal blickte von Martina, zu
Matt und wieder zurück. „Welche Rückschlüsse?“ Martina räusperte sich
„Rückschlüsse sexueller Art“. Chantal schaute verwundert. „Verstehe. Sie
behaupten
also, mein Vater wäre ein Vergewaltiger gewesen.“ „Naja“ warf Matt ein.
„Das wäre eine Erklärung.“ Der Rest des Verhörs
verlief äußerst ungemütlich. Viel hatten Chantal und die anderen beiden
nicht mehr zu erzählen, und so gingen die Ermittler bald wieder. „Wie
fandest du ihre Reaktion?“ fragte Matt am nächsten Tag, als sie nochmal die
Akten durchgingen. „Etwas seltsam. Sie war nicht empört, nicht entrüstet –
sie nahm es einfach so hin.“ „Naja, ihr Verhältnis zum Vater war nicht das
beste. „Ja, schon Aber trotzdem – wenn man ganz sicher ist, dass die
betreffende Person nichts getan hat, verteidigt man ihn. Und das hat sie
nicht gemacht.“ Matt überlegte kurz. „Meinst du, ihr Vater hat sie
missbraucht?“ fragte er. „Das wäre nicht das erste Mal, daß so etwas passiert wäre, weißt du?“ erwiderte
Martina trocken. Matt schüttelte den Kopf. “Warum hätte sie dann solange warten
sollen? Sie hätte sich jederzeit an ihrem Vater rächen können.“ „Ja, schon“
Martina überlegte einen Moment. „Aber vielleicht fehlte ihr alleine einfach
der Mut dazu. Vielleicht hatte sie nur jemanden gebraucht, der ihr hilft.“
Einen Moment herrschte völlige Ruhe, bevor die beiden fast gleichzeitig
ausriefen: „Kilian Fischer!“
In der Wohnung trafen sie nur Chantal an. Sie erklärte, dass Kilian nicht da
sei. Die Ermittler setzten sich ins Wohnzimmer und Martina beschloss,
offensiv zu werden. „Fräulein Hoffmann, verzeihen sie die Frage, ich will
ihnen keinesfalls zu nahe treten, es dient nur den Ermittlungen.“ Chantal
nickte etwas verwundert. „Hat ihr Vater sie jemals…sexuell belästigt?“
Chantal erstarrte einen Moment, dann fasste sie sich wieder. „Wie bitte?“
„Hören sie,“ warf Matt jetzt ein. „Wir müssen jeder Möglichkeit nachgehen-
so unangenehm das auch für sie ist.“ Chantal schluckte kurz, ging zu einer
kleinen Hausbar, die neben dem Sofa stand und goss sich einen Whiskey ein.
Sie stürzte ihn herunter zündete sich eine Zigarette an. „Ich war 12“ begann
Chantal „da…“ sie schluckte und blickte zu Boden. Martina bat Matt leise,
doch besser draußen zu warten, und widerwillig ging er hinaus. Chantal trank
noch einen Whiskey. „Da fasste mich mein Vater an…intim. Wir waren vom
Frühstückstisch aufgestanden und ich hatte noch mein Nachthemd an und…“ sie
schluchzte. Martina legte ihr die Hand auf die Schulter. „Und was ist dann
passiert?“ fragte sie leise. „Meine Mutter kam herein“ antwortete Chantal
und warf den Kopf zurück. „Sie schickte mich in mein Zimmer und schloss die
Küchentür von innen ab. Ich lauschte natürlich. Sie schrie meinen Vater so
laut an, dass es die ganze Siedlung gehört haben muss.“ Chantal lachte
bitter. „Sie drohte ihm mit der Scheidung und dass er seine Zulassung als
Arzt verlieren würde, sollte er so etwas nochmal wagen. Mein Vater heulte
wie ein Schlosshund und versprach, dass das nicht wieder vorkommt.“ „Und?“
fragte Martina gespannt. „Es ist wirklich nie wieder vorgekommen.“ sagte
Chantal und schenkte sich noch einen Whiskey ein. „Aber ich konnte ihm nie
wieder vertrauen.“ Verständlich, dachte Martina.
„Sie wirkte absolut ehrlich auf mich“ schloss Martina ihren Bericht, als sie
und Matt wieder im Auto saßen. Matt schaute gedankenvoll auf seinen
Kaffeebecher, den er in den Händen hielt. „Was ist, Nick Knatterton? Wieder
am Kombinieren?“ spöttelte Martina. „Ich frage mich…“ fing Matt an, starrte
geradeaus- und schwieg wieder „Was fragst du dich? Nun sag schon, verdammt!“
Martina schlang ungeduldig die Arme um sich, ihr war kalt – und das lag
nicht am Wetter. Matt drehte sich zu ihr um. „Ich frage mich, ob Hoffmann
seine Triebe nicht einfach woanders ausgelebt hat, wo seine Tochter doch für
ihn tabu war.“ Martina sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Oh mein
Gott, du könntest recht haben.“
Denise Burkhard war nicht zu Hause. „So eine Schnapsidee hierherzukommen.“
Beschwerte sich Martina und fröstelte wieder. „Wieso? Wir müssen im direkten
Umfeld anfangen. Und Denise ist Chantals engste Freundin.“ verteidigte Matt
seine Idee- aber sehr zuversichtlich wirkte er auch nicht. „Komm mein
Schatz“, zischte Martina und zog ihn am Arm. „Wir fahren wieder zu Chantal.“
Chantal war völlig außer sich, als die beiden Ermittler bei ihr ankamen.
„Kilian ist immer noch nicht da. Ich mache mir langsam Sorgen!“ Ihre Stimme
verriet, dass die Whiskey-Flasche inzwischen halbleer sein dürfte. „Wo
wollte er denn genau hin?“ fragte Matt, plötzlich hellhörig geworden.
„Zigaretten holen.“
Einer plötzlichen Eingebung folgend, rasten Martina und Matt zur
Ohlhoff-Klinik. „Ich weiß jetzt genau, was passiert ist.“ Sagte Matt erregt.
Er knetete seine Hände und seine Augen flackerten Zum Glück fahre ich,
dachte sich Martina. Der würde uns doch vor lauter Aufregung gegen die
nächste Planke setzen. „Na, dann sagen sie es mir, Sherlock!“ „Ganz einfach“
fing Matt an. „Hoffmann hat sich, weil er seine Ehe und Karriere nicht
gefährden wollte, von seiner Tochter sexuell ferngehalten. Was lag da näher,
als es bei der besten Freundin seiner Tochter zu versuchen? Und es muss
funktioniert haben. Er hat Denise möglicherweise gedroht oder mit irgendwas
erpresst, so dass sie ihn nicht anzeigte, geschweige denn es jemanden
erzählte. Womöglich hatte sie Angst, Chantal würde denken, dass sie ihren
Vater verführt hatte. Sie entfernte sich aus Hoffmanns unmittelbarer Nähe,
sie ging zusammen mit Chantal auf eine entfernte Universität. Aber es
schwelte ihn ihr, es muss unvorstellbar grausam für sie gewesen sein, ihrem
Peiniger ab und zu eben doch mal zu begegnen. Vor allem, weil Chantal nach
dem Studium wieder hierher zog. Dann lernte Chantal Kilian kennen, sie
stellte ihn überglücklich ihrer Freundin vor und – Baff !!!“ er schlug laut
die Hände zusammen. „Was ‚Baff’?“ fragte Martina irritiert. „Na, die haben
sich ineinander verknallt! Zack, Bumm!“ Martina schluckte. „Du spinnst doch,
Kerl! Warum sollte sie ihrer besten Freundin so was antun? Und warum hat
sich Kilian nicht von Chantal getrennt, wenn er sich plötzlich in Denise
verknallt hat?“ Matt grinste. „Oh, Watson- sie müssen noch viel lernen!
Schon mal davon gehört, dass manche Menschen für Geld alles tun? Kilian
verliebte sich zwar in Denise, aber er liebte immer noch Chantals Geld. Und
Denise dachte womöglich nicht groß nach. Sie empfand es wahrscheinlich wie
ein Wunder, dass sie sich von einem Mann so angezogen fühlen konnte.“
Martina fuhr rechts ran. „Jetzt reicht es mir aber“ polterte sie los. „Erst
kommst du mir hier mit völlig unhaltbaren Spekulationen und jetzt fängst du
auch noch an, Verständnis für andere Menschen zu entwickeln! Ehrlich, das
wird mir langsam alles zuviel.“ Sie nahm die Brille ab und massierte ihre
Stirn. Matt lachte kurz auf. „Vertrauen sie mir einfach Chefin, ok?“
In der Klinik erfuhren sie, dass Kilian tatsächlich vor Kurzem hier gewesen
war, und zwar in Begleitung einer schlanken Blondine. Sie wären kurz im Büro
gewesen und dann wieder gegangen, keiner wusste wohin. „Ich denke, ich weiß
wohin“ murmelte Martina. Matt strahlte. „Sehr gut, Watson!“ -und rief
Verstärkung.
Tatsächlich erwischten sie Kilian und Denise am Flughafen, wo sie gerade für
einen Flug nach Berlin einchecken wollten. Die Verstärkung war schnell da
-für Denise hätte man sie nicht gebraucht: Sie brach weinend zusammen.
Kilian aber machte Anstalten sich zu wehren, hätte auch Matthias
überwältigt, aber bei vier bewaffneten Beamten überlegte er es sich schnell
anders.
Die Beweise wurden sichergestellt, auch die Kastrier-Werkzeuge wurden
gefunden. Kilian wurde wegen vorsätzlichen Mordes zu 16 Jahren Haft ohne
Bewährung verurteilt und Denise zu 5 Jahren wegen Beihilfe. Matts Theorie
hatte voll ins Schwarze getroffen: Werner Hoffmann hatte sich an Denise
vergangen, und ihr mit allem Möglichen gedroht, falls sie es jemanden sagen
sollte. Sie war so eingeschüchtert und verängstigt, dass sie es wirklich
niemanden sagte –bis Chantal ihr Kilian vorstellte. Sie verliebten sich,
Kilian spielte Chantal weiterhin den treuen Freund und später Verlobten vor.
Denise vetraute sich ihm irgendwann an und Kilian schwor Rache an dem Mann,
der Denise das angetan hatte.
Chantal löste noch in der Zeit der Untersuchungshaft die Verlobung und brach
auch mit ihrer Freundin. Doch in den darauffolgenden Monaten besuchte sie
ihre ehemalige beste Freundin im Gefängnis, und unter vielen Tränen und
gegenseitigem Verständnis versöhnten sich die beiden Frauen wieder.
Martina Behrend saß in ihrer Stammkneipe allein in einer dunklen Ecke und
starrte finster auf ihr Bierglas. Sie bemerkte Matthias Grün zunächst gar
nicht, bis er sich zu ihr setzte. „Hey, Süsse- ist hier noch frei?“ Sie
schaute kurz auf. „Sicher“ sagte sie und studierte wieder ihr Bier. Matt
winkte den Wirt heran, um sich auch ein Bier zu bestellen. „Was ist denn
los, Cheffin? Wir haben den Fall aufgeklärt und man ist mit uns zufrieden.
Und das Beste von Allem ist“ er machte eine feierliche Pause „dass wir
weiterhin zusammenarbeiten dürfen. Never change a winning Team!“ Er steckte
sich eine Zigarette zwischen die Lippen und grinste breit.
Martina sah ihn trübe an. „Siehst du, und darüber kann ich mich nicht
freuen, das ist das Problem.“ „Worüber? Dass wir weiterhin
zusammenarbeiten?“ Martina lachte „Das auch, ja.“ Sie wurde sofort wieder
ernst. „Das wir den Fall aufgeklärt haben- darüber kann ich mich nicht
freuen. Es bleibt irgendwie ein Nachgeschmack. Verstehst du was ich meine?“
„Ich glaube schon“ sagte Matt ernst. „Ich meine“ fuhr Martina fort „es ist
so verdammt ungerecht. Ein Verbrechen wurde begangen, eines der schlimmsten
überhaupt- und nicht gesühnt. Und dann wird es endlich gesühnt - und das eigentliche
Opfer bestraft. Das ist doch pervers!“ Matt schaute sie nachdenklich
an. „Selbstjustiz ist verboten in diesem Land, weißt du noch?“ „Ja“ sagte
Martina bitter. „Aber findest du das richtig? Also, in jedem Fall und immer
richtig?“ Matt blies einen Rauchring in die Luft und blickte den blauen
Schwaden hinterher. „Sowas diskutiere ich grundsätzlich erst nach dem viertem
Bier, einverstanden?“ Martina grinste schief und nahm ihm die Zigarette ab.
Einverstanden.
(c)Darkness