Rumänischer Kaffee
Evelyn ging müde die Straße entlang. Es war erst kurz nach 20 Uhr, aber im
Oktober zu dieser Zeit schon stockdunkel. Sie hatte einen langen, stressigen
Tag hinter sich; alle Gäste im Lokal waren unzufrieden, schlecht gelaunt,
mäkelig oder genervt gewesen. Sie wünschte sich jetzt nichts sehnlicher als
eine heiße Dusche und danach ihr Bett. Sie seufzte. Diese blöden Vegetarier!
Wollte doch tatsächlich so ein langweilig wirkender Mittdreißiger von ihr
wissen, ob die Bratnudeln in Hühnerfond gegart wurden. Wen bitte
interessierte das denn? Schließlich wurde ja das Hühnchen nicht mitserviert!
Sie seufzte wieder.
Auf einmal bemerkte sie einen Schatten hinter sich. Sie ging etwas schneller
– derjenige hinter ihr auch. Oh nein dachte sie, bitte nicht. Sie
verfiel sofort in ein schnelleres Lauftempo. Sie keuchte und japste als sie
in eine Nebenstraße lief, den Atem des Verfolgers buchstäblich im Nacken. Da
fiel sie über ein Fahrrad. Oh nein, jetzt hat er mich! dachte sie noch
voller Entsetzen, als sie eine angenehme, männliche Stimme sagen hörte:
Haben sie sich verrletzt? Sie wurde an ihren Händen gepackt und
hochgezogen. Dann sah sie sich einem männlichen Gesicht gegenüber, mit
stahlblauen Augen, die sie freundlich-besorgt ansahen. Nein…nein… Einen
Moment lang rang Evelyn um Fassung. Aber eben nur einen Moment lang. Ich
bin über dieses Ding gefallen, weil sie mich verfolgt haben! Was fällt
ihnen eigentlich ein! Der Mann schaute noch besorgter. Es tut mir sehrr
leid. Es warr nicht meine Absicht sie zu errschrrecken, glauben sie mirr.
Evelyn räusperte sich kurz. Aber warum sind sie mir gefolgt? Weil ich
mich hierr nicht auskenne und ich sie frragen wollte, ob sie wissen wo das
Rrestaurrant… Er fummelte umständlich an einer Tasche seines schwarzen
Mantels herum und brachte einen Zettel zum Vorschein. Rrestaurrant `Da
Vinci’ befindet. Evelyn atmete tief durch. Nur ein Tourist, alles klar.
Sicher weiß ich wo das ist. Sie beschrieb ihm den Weg. So, jetzt muß ich
aber weiter, einen schönen Abend wünsche ich ihnen noch. Auf Wiedersehen
Sie drehte sich bereits um, als der Fremde sagte: Warrten sie, Frrollein –
ich möchte sie gerrne zu einem Kaffee einladen, als Entschädigung für den
Schrrecken sozusagen. Evelyn seufzte wieder. “Das ist sehr nett von ihnen,
aber ich bin müde und möchte nach Hause. Tut mir wirklich leid, Herr…
Diurrgiu. Vladimirr Diurrgiu. antwortete der Fremde und reichte Evelyn die
Hand. Evelyn Baumann sagte sie und zögerte. Jetzt hatten sie sich schon
vorgestellt – warum sollten sie nicht doch einen Kaffee miteinander trinken?
Ich wünsche ihnen eine angenehme Nachtrruhe sagte Diurgiu und wandte sich
zum Gehen. Warten sie, sagte jetzt Evelyn. Ein Kaffee kann vielleicht
doch nicht schaden. Diurgius Gesicht hellte sich auf Wie schön.
Auf dem Weg ins Restaurant hatte Evelyn das Gefühl, Konversation machen zu
müssen. Woher genau kommen sie, Vladimir? Aus Rrumänien, aus Tirrgoviste,
um genau zu sein. Ach? sagte Evelyn. Wie interessant. Warren sie
jemals in Rrumänien, Evelyn? fragte Diurgiu und schaute sie von der Seite
an. Nein, sagte Evelyn, aber mein Großvater kommt aus Schlesien, daß
seit dem 2.Weltkrieg zu Polen gehört. Also kommt er praktisch aus Polen…aber
das ist ja ein völlig anderes Land, verzeihen sie mir. Evelyn schämte sich
unendlich. Was quasselte sie denn da? Aber Diurgia lächelte nur. Endlich
waren sie angekommen und Evelyn betrat erleichert das Da Vinci. Diurgiu
ging zum Empfangschef, und einen Moment später wurden sie an einen Tisch
geführt. Ich bin hierr mit einem Geschäftsparrtner verabrredet. sagte
Diurgiu, nachdem der Kellner den Kaffee gebracht hatte. Aha, sagte Evelyn
und grinste. Sind sie vielleicht Organhändler? Ich meine, man hört ja
soviel aus Osteuropa… Sie hielt inne. Was war nur heute mit ihr los?Aber
Diurgiu lächelte wieder. Ich habe auch eine Schwäche für Klischees. Seit
ich hierr bin bin ich überrascht, wie wenig Deutsche Soldatenkleidung
trragen und Gewehrre dabeihaben! Beide lachten. Sie schaute ihn sich etwas
genauer an. Er war nicht gutaussehend im landläufigen Sinne, aber sein
dunkles, nettes Gesicht mit der römischen Nase hatte schon etwas. Ihre Augen
trafen sich. Und mit einem Mal wurde Evelyn sehr unwohl. Diese stahlblauen
Augen schienen sich in sie hineinzubohren, und seine schwarzen Augenbrauen
zogen sich irgendwie bedrohlich zusammen. Ich sitze hier wie das Karnickel
vor der Schlange, dachte sie sich. Entschuldigen sie sagte sie hastiger,
als sie wollte. Ich muß jetzt wirklich gehen. Danke für den Kaffee. Sie
stand so abrupt auf, dass ihr Stuhl umfiel. Kaum war sie draußen, begann sie
zu rennen. Sie wusste nicht wieso, etwas in ihrem Inneren drängte sie dazu.
Als sie zu Hause ankam, völlig außer Atem und verwirrt, versuchte sie zu
ergründen was geschehen war. Auf einmal fiel ihr eine Szene aus dem alten
Gruselfilm ein, den sie neulich gesehen hatte – den Titel wusste sie nicht
mehr, es war ein furchtbar trashiges Machwerk gewesen. Es ging um eine
verheiratete Frau, die einem Vampir verfallen war. Der Vampirjäger hatte dem
verzweifelten Ehemann erklärt: Diese Kreaturen machen sich Frauen ganz
einfach gefügig-oft genügt schon ein tiefer Augenkontakt. Oh ja, das war
gut, dachte Evelyn. Nur weil Diurgiu aus Rumänien kommt ist er gleich ein
Vampir? Wenn das kein Vorurteil ist! Das stellte sogar das mit dem
Organhandel in den Schatten. Evelyn lachte leicht hysterisch. Sie rauchte
eine Zigarette und kroch in ihr Bett. Duschen konnte sie ja morgen früh
noch.
Als sie am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, stand ein großer,
breitschultriger Mann vor ihrer Haustür. Er schien auf sie gewartet zu
haben. Fräulein Baumann? Ja? sagte Evelyn mißtrauisch. War der Typ von
der Polizei? Es tut mir leid, sie hier so überfallen zu müssen, aber ich
habe etwas Wichtiges mit ihnen zu bereden Polizei, wusste ichs doch,
dachte Evelyn und räusperte sich. “Wer sind sie? Oh, sagte der Typ und
stand ihr jetzt direkt gegenüber. Er war bestimmt über 1,80 und über seine
Schultern fiel eine Fülle langer, schwarzer Haare. Er lächelte und gab
Evelyn die Hand. Wie unhöflich von mir, verzeihen sie. Mein Name ist
Woratsch, Viktor Woratsch. Ich komme aus Tirgoviste, Rumänien. Verblüfft
schaute Evelyn ihn an. Hier muß irgendwo ein Nest sein, dachte sie.
Sie…ähem…sie haben ja gar keinen Akzent? fragte sie unsicher. Woratsch
lächelte. Ich habe eine zeitlang in Berlin gewohnt, weil ich dort studiert
habe. Evelyn fasste sich endlich wieder. So, das ist ja schön aber können
sie mir jetzt bitte sagen, was sie von mir wollen? Sicher. Können wir
irgendwo ungestört reden? Evelyn überlegte. In ihre Wohnung würde sie
diesen Fremden bestimmt nicht lassen. Vielleicht können wir irgendwo einen
Kaffee trinken? schlug Woratsch vor. Diese Rumänen haben es derzeit mit Kaffee,
dachte Evelyn. Gut, hier um die Ecke ist ein Bistro. Wunderbar! sagte
Woratsch.
Als sie sich im Bistro gegenüber saßen,jeder einen dampfenden Becher Kaffee
vor sich, konnte Evelyn ihre Neugier nicht mehr bezwingen. Bitte sagen sie
mir, was sie von mir wollen. Also gut, sagte Woratsch. Wie gut kennen
sie Vladimir Diurgiu? Evelyn hätte sich beinahe am Kaffee verschluckt. Wie
bitte? fragte sie. Mit so einer Frage hätte sie nie im Leben gerechnet.
Wie gut kennen sie ihn? Und wissen sie, wo er sich jetzt gerade aufhält?
Woratsch gab nicht auf. Ich kenne ihn gar nicht antwortete Evelyn
aufgebracht. Ach nein? Aber sie waren gestern mit ihm im Restaurant ‚Da
Vinci’ versetzte Woratsch. Evelyn starrte ihn entsetzt an. Woher zum
Kuckuck wissen sie das? Werde ich ausspioniert? Ihr fröstelte auf einmal.
Woratsch überging ihren Einwand einfach. Vladimir Diurgu ist ein Vampir.
Und ich habe die Aufgabe, ihn zu erledigen. sagte er fast sachlich. Evelyn
starrte ihn an, als hätte er ihr gerade erklärt daß George W.Bush den
Friedensnobelpreis gewonnen hätte. Ich habe genug gehört, sagte sie und
stand auf.
Woratsch stand ebenfalls auf. Wie sie meinen. Aber ich habe sie gewarnt.
Evelyn rannte wie vom Teufel gejagt in ihre Wohnung. Was war denn das?
Einfach ungeheuerlich. Hastig zündete sie sich eine Zigarette an und
versuchte wieder ruhiger zu werden. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu
denken. Konnte sowas wirklich war sein? grübelte sie. Oder war Woratsch
nichts anderes als ein Geisteskranker? Aber hatte sie nicht selber einen
Verdacht gegen Diurgiu gehegt? Vampire, Vampirjäger - so etwas gab es doch
gar nicht! Am nächsten Morgen rief Evelyn im Lokal an und meldete sich
krank. Gleich nach dem Telefonat schlief sie erschöpft ein. Als sie wieder
aufwachte, war es schon nach fünf und es dämmerte draußen. Sie brauchte
frische Luft und beschloß, einmal um den Block zu gehen um ihren Kopf wieder
klar zu kriegen. Sie war erst einige Schritte gelaufen, als sie eine Hand
von hinten an der Schulter packte. Sie fuhr herum und schrie auf: Es war
Vladimir Diurgiu. Habe ich sie schon wiederr errschrreckt? fragte er
freundlich und lächelte. Evelyn lachte nervös. Nein nein, haben sie nicht.
Was machen sie hier? Ich wollte mit ihnen rreden. Oh mein Gott, er auch,
dachte Evelyn. Die sind doch echt alle verrückt. Sie bemühte sich,
beherrscht zu klingen. Von mir aus. Wollen wir wieder irgendwo einen Kaffee
trinken? Rumänischen Kaffee, dachte sie. Diurgiu schüttelte den Kopf .
Nein. Können wirr zu ihnen in die Wohnung gehen? Evelyn hatte geahnt, dass
er das sagen würde. Ok. Jetzt bin ich auch geisteskrank, dachte sie. Total
wahnsinnig. Aber langsam, fast mechanisch ging sie in Diurgiu’s Begleitung
in ihre Wohnung zurück.
Sie war überhaupt nicht überrascht, Woratsch in ihrem Wohnzimmer
vorzufinden. Es war ihr aus irgendeinem Grund klar gewesen. Woratsch
lächelte, Diurgiu nicht. Wie zwei Raubtiere standen sie sich gegenüber, es
hätte nur noch das Knurren gefehlt. Stattdessen begannen sie sich in einer
Evelyn völlig fremder Sprache zu unterhalten. Woratsch sprach bedächtig,
Diurgiu drohend. Dann lachte Woratsch plötzlich und zog einen Holzstab mit
spitzem Ende und einen Holzhammer hervor. Diurgius Augen blitzen, als er das
sah. Woratsch sagte wieder etwas und kam dann zu Evelyn. Hier, nehmen sie
das . Er hielt ihr die Werkzeuge hin. Nehmen sie und töten sie das
Monster. Evelyn glaubte nicht richtig gehört zu haben. Wie bitte? Nun
machen sie schon. Sie müssen es tun, verstehen sie? Ich brauche sie dafür.
Evelyn schaute zu Diurgiu. Er sah sie mit unergründlichem Blick an, sagte
aber nichts. Evelyn nahm zögernd den Pflock und den Hammer. Auf einmal
sprang Diurgiu auf sie zu und stieß sie zu Boden. Sie fiel hart auf die
Dielen, den schweren Körper des Mannes über ihr. Sie rang nach Atem und
versuchte ihre Arme freizumachen. Dann wurde Diurgiu von Woratsch nach oben
gerissen. Woratsch schrie: Tun sie es! Machen sie es endlich! Diurgiu wand
sich in Woratschs Armen, die ihn festhielten wie ein Schraubstock.
Verzweifelt versuchte er sich freizukämpfen. Evelyn zögerte nicht länger.
Sie erhob den Pflock und den Hammer, so wie sie es schon oft in Filmen
gesehen hatte. Diurgius Augen weiteten sich vor Entsetzen, sein Mund öffnete
sich zu einem lautlosen Schrei. Zu spät. Der Pflock saß bereits in seiner
Brust, und Evelyn jagte ihn mit dem Hammer endgültig durch sein Herz. Ein
Schwall roten Blutes ergoß sich auf dem Teppich, es schien gar nicht mehr
aufhören zu bluten.
Evelyn achtete nicht auf das letzte Todesröcheln Diurgius, sondern starrte
fassungslos auf ihre blutverschmierten Hände. Ich…ich dachte immer, Vampire
bluten nicht wenn man sie tötet! stammelte sie. Sie blickte hoch und
begegnete Woratschs amüsiertem Blick. Das tun sie auch nicht sagte er mit
dunkler Stimme, und sie können auch ohne die Hilfe eines Sterblichen keine
Vampirjäger töten
Seine aufblitzenden Eckzähne waren das Letzte, was Evelyn in ihrem Leben
sehen sollte.
(c)Darkness