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Als Marlene Gutzeit an jenem Vormittag ihrem Chef Gernot Wunderlich gegenüber saß, ahnte sie nicht, dass sie seinetwegen am Abend ihre jüngste Schwester Cordula hassen und ihr Leben in Stücke zerfallen würde.

Dabei begann der Tag wie viele Freitage zuvor. Sie plauderten über dieses und jenes, plötzlich fragte er: „Marlenchen, wie lange kennen wir uns schon?"Worauf wollte er hinaus? Seit fünfzehn Jahren arbeitete Marlene in Gernot Wunderlichs Dienstleistungsagentur und sie betete ihn an. Wollte er sie entlassen? Hatte es mit ihrem Alter zu tun? Mittlerweile war sie Anfang vierzig, na gut achtundvierzig, doch was bedeuteten nüchterne Zahlen? Er selber hatte die magische Grenze zur Fünfzig bereits vor einiger Zeit überschritten. Marlene störten weder sein Bäuchlein noch der dunkle Resthaarkranz und seine Vorliebe für junge Frauen übersah sie mit der Nachsicht einer erfahrenen Ehefrau.

Als er dann sagte: „Ich finde, es wird Zeit, dass wir uns privat näher kennen lernen. Was hältst du von einem Wochenendausflug?", saß sie da, wie vom Donner gerührt. Kein Ton löste sich aus ihrer trockenen Kehle. Wie lange träumte sie von diesem Augenblick? Erfüllten sich jetzt ihre Träume? Nach all den Jahren voller Überstunden, Entsagungen und aufgeschobener Urlaube winkte die Belohnung? Sie konnte es kaum glauben. „Gerne, Herr Wunderlich, das wäre wunderbar! Meinen Sie dieses Wochenende?" Die Worte klangen selbst in ihren Ohren unbeholfen und lächerlich. Wo blieb ihre Redegewandtheit? Marlene hielt ihre zitternden Hände fest. „Nein, erst in einer Woche. An diesem Wochenende habe ich schon etwas vor." „Wie schade! Meine Familie kommt heute Abend zum Essen. Es wäre nett, wenn Sie einander kennen lernen, nach all der Zeit." „Nein, tut mir leid, vielleicht ein andermal. Die Einzelheiten unseres Ausfluges besprechen wir dann noch." Er wandte sich seinen Unterlagen zu, während Marlenes Gedanken Purzelbäume schlugen. „Ist alles soweit klar?" Seine sonore Stimme riss sie aus ihren Träumen. „Marlenchen, bei dir ist wie immer alles in besten Händen. Wenn ich dich nicht hätte!"  „Wie bitte? Ja, natürlich. Brauchen Sie mich noch?"

Marlene konnte es nicht erwarten, aus seiner, sie lähmenden, Nähe zu kommen. Seufzend setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Einen kostbaren Augenblick lang gab sie sich einem Tagtraum hin, in dem Gernot sie leidenschaftlich liebte. Errötend brach sie ab, als sie bemerkte, dass ihre Kollegin Johanna sie forschend ansah. „Was ist?" Marlene fühlte sich ertappt. „Ist dir nicht gut? Du hast schrecklich gestöhnt!"

Wissend grinste Johanna sie an und schüttelte ihren graugelockten Kopf. Sie arbeitete lange genug in der Firma um mitbekommen zu haben, was ihre Kollegin für ihren Chef empfand. „Ich habe darüber nachgedacht, wie ich heute alles schaffen soll. Meine Familie kommt zum Essen, ist doch Freitag. Darum habe ich gestöhnt!" Obwohl Johanna ihr kein Wort glaubte, sagte sie: „Dann mach für heute Schluss, ich halte die Stellung. Außer meinem Hund wartet keiner auf mich." „Danke, Johanna, du schaffst es wirklich allein?" „Na klar, nun geh schon."

Auf dem Heimweg wanderten Marlenes Gedanken wieder zu Gernot. Seine Einladung schien ihr ein Zeichen des Himmels. Sicher versprach er sich einiges von dem Treffen. Sie würde ihn nicht enttäuschen und davon überzeugen, welche Qualitäten eine reife Frau besaß. Danach sollte es ihn nicht mehr nach Jungfrauenfleisch gelüsten! Ihre Gedanken eilten den Ereignissen voraus und sie malte sich aus, wie das Wochenende verlaufen würde.

Zu Hause fütterte sie zunächst ihre Katze Archie. Die beiden lebten allein, seit Viola, Marlenes Tochter, sie ihrem Schicksal überließ und zu Beginn ihres Psychologiestudiums auszog. Violas Vater, ihren Ex-Ehemann Ferdinand, hatte sie nicht mehr gesehen, seit er nach ihrer kurzen heftigen Jugendliebe das Weite suchte. Er fühlte sich plötzlich zu jung für Familienpflichten. Einige Stunden später hatte sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Heute Abend würde sie zum Auftakt eine Kressesuppe servieren, gefolgt von Rinderfilet mit Ratatouille und zum Dessert Zitronencreme.

Sabine saß bereits verheult und ohne den angekündigten neuen Lover auf dem Sofa, als Karo eintraf, ausnahmsweise ohne ihren Ehemann Eberhard und die vier Kinder. Kurz darauf läutete es noch einmal. Das konnte nur die jüngste Schwester Cordula sein. Marlene öffnete und erblickte zunächst ein wunderschönes Orchideengebinde. Der Arm, der diesem Gebinde folgte, gehörte - Gernot Wunderlich.

 

 



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