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Ein buntes Stück Pappe

© 2004 Angelika Haymann

Erschöpft kam Silke aus dem Freibad, wo jugendliche Rüpel unbändigen Spaß daran fanden, ihr auf den Kopf zu springen oder mit ihrem Gekreische den letzten Nerv zu rauben. Zwischen Wurfsendungen vom Pizzaservice und Sonderangeboten vom Supermarkt lag eine Ansichtskarte im Silkes Briefkasten. Ein Hochglanzfoto zeigte türkisblaues Wasser und schneeweißen Sand. Silke seufzte sehnsüchtig und steckte die Karte, ohne vorerst einen Blick darauf zu werfen, mit der restlichen Post in ihre Badetasche. Sicher kam sie von ihrer besten Freundin Micha, die zurzeit in der Türkei ihren Urlaub verbrachte. Silke beneidete sie um ihre Selbstständigkeit, kein Mann genügte bisher auf Dauer Michas Ansprüchen. "Wenn ich ihn finde, greife ich zu und bis dahin genieße ich mein Leben", pflegte sie zu sagen. Dabei lagen ihr die Männer zu Füßen! Jammerschade, dass Philipp keine Lust hatte, es Micha gleichzutun. "Was soll ich im Süden?", wimmelte er Silkes zaghafte Vorstöße in dieser Richtung ab. Wie in jedem Jahr, verbrachte er seinen Urlaub jetzt mit seiner Männergruppe, Kollegen aus der Bank, in Norwegen. Frauen waren auf diesem Trip nicht zugelassen. Silke blieb zu Hause. Allein wollte sie nicht verreisen und Micha weilte ja im Süden. Dabei lachte draußen die Sonne und bescherte dem Land den schönsten Sommer seit Jahren! Vielleicht warf Silke ein paar Sachen in einen Koffer und fuhr auf gut Glück zum Flughafen? Ach, das tat sie ja doch nicht! Schon der Gedanke, allein in den Urlaub zu fahren, verursachte ihr Gänsehaut.

Langsam stieg sie die Treppen zu ihrer Wohnung im vierten Stock hoch, während sie in Gedanken an einem glitzernden Pool träge in einem Liegestuhl lag. Ein braun gebrannter, schwarzhaariger Kellner in knappen Shorts, servierte ihr eine eiskalte Pina Colada. Er zwinkerte ihr zu und flüsterte: "Heute Abend bei der Beach-Party?" Schön wär's, einem Pummelchen wie Silke warf niemals ein Mann verführerische Blicke zu. Gut, dass sie Philipp hatte, eine zweite Chance bekam sie bestimmt nicht! Jenseits der vierzig konnte sie das vergessen.

Im Flur ihrer Wohnung ließ Silke die Tasche mit den Badesachen fallen und schleuderte die Sandalen von den Füßen. Barfuß ging sie in die Küche, wobei sie Kühle der Fliesen genoss und setzte sich dann mit einem Saft auf den Balkon. In der Wohnung stand die Luft, seit Wochen hielt die Hitze an. Nachdem sie es sich bequem gemacht hatte, sah sie die Post durch. Zuletzt nahm sie Michas Karte zur Hand, warf einen flüchtigen Blick darauf und kniff die Augen zusammen. Sie las den Text noch einmal langsam, und jeder Buchstabe brannte sich in ihr Hirn.

"Ich verbringe hier traumhafte Stunden in einem exklusiven Hotel, die Sonne scheint. Was will ich mehr? Liebe Grüße, Micha. PS Philipp lässt dich ebenfalls grüßen."

Wie hypnotisiert starrte Silke auf das bunt bedruckte Stückchen Pappe in ihrer zitternden Hand. Bis vor einer Sekunde lediglich gepresstes Papier, mutierte es zu einem Schwert, das ihre Welt mit einem Schlag in Stücke hieb. Die Karte fiel zu Boden und blieb mit der Schrift nach oben liegen. ,So fühlt es sich also an, wenn man stirbt', dachte Silke erstaunt. ,Es tut gar nicht weh! '

 

Wer hat geklopft?

Angelika Haymann

Fridolin Reiser, ein pensionierter Studienrat, hatte ein Gartenhäuschen erworben. Mit Hilfe seines Nachbarn Herrn Müller wurde es schnell aufgebaut. Nach getaner Arbeit ließ Herr Reiser seinen fülligen Körper erschöpft in einen Liegestuhl sinken. Die Hitze des Sommernachmittages trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Der lief ihm in kleinen Rinnsalen von seiner Glatze und versickerte im Hemdkragen. Die Herren stießen mit einem eiskalten Bier auf ihr Werk an.

„Hatten Sie eigentlich eine Baugenehmigung?", fragte ihn Herr Müller, ebenfalls ein pensionierter Beamter. Eine Genehmigung für ein Gartenhäuschen? Herr Reiser zweifelte daran, doch als gewissenhafter Bürger würde er sich informieren. Nichts war ihm mehr verhasst, als Ärger mit den Behörden.

Am folgenden Tag erklomm er im Rathaus schnaufend die Treppen zum Bauamt. Im fensterlosen Warteraum staute sich die Wärme. Flackernde Neonbeleuchtung mühte sich Licht ins Dunkel zu bringen. Die harten orangefarbenen Plastikstühle waren sämtlich von schwitzenden Mitbürgern besetzt. Herr Reiser zog ein Stück Papier aus dem Wartenummerautomaten und suchte sich ein freies Plätzchen an der graugestrichenen Wand. Das drückende Schweigen wurde nur gelegentlich von einem Räuspern oder Hüsteln unterbrochen. Nach und nach leerte sich der Raum, bis nur noch Herr Reiser allein wartete. Mittlerweile hatte er sämtliche Aushänge gelesen. Er war über alle Formulare informiert, durch deren korrektes Ausfüllen der Bürger seiner Behörde die Arbeit erleichtern kann. Lange Zeit rührte sich nichts und er verlor langsam die Geduld. Hatten die Beamten bereits durch einen Hinterausgang das Büro verlassen und ihn vergessen?

Vorsichtig klopfte er an die Tür des Amtszimmers und lauschte. Nichts zu hören! Plötzlich öffnete sich die Tür und eine junge Dame fragte streng: „Wer hat geklopft?" „Das war ich! Ich dachte, Sie haben mich vergessen," antwortete Herr Reiser eingeschüchtert. Die junge Dame warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und gab die Tür frei.

Herr Reiser trat ein und rief fröhlich: „Guten Tag!" in den Raum, ohne eine Antwort zu erhalten.

 

Das kleine Danke

© Angelika Haymann

Es war einmal ein kleines Dankeschön, das wusste nicht so recht, wo es hingehörte, vielleicht kam es daher, weil es eben noch so klein war. Eines Tages machte es sich auf den Weg in die Welt, um seinen Besitzer zu suchen. Denn für jedes Dankeschön auf der Welt gibt es einen, zu dem es gehört.

Das Dankeschön, nennen wir es kurz Danke, darauf hört es nämlich auch, sah sich in der Welt um. Irgendwann fiel ihm eine Frau auf. Groß und schlank, das Gesicht hübsch bunt angemalt, stand sie im Eingang eines Kaufhauses, hinter einem hohen Tisch, auf dem ein dickes Buch lag und wirkte mächtig wichtig. Vor ihr stand ein Schild, auf dem zu lesen war: „Beschwerdestelle". „Da bin ich richtig, weil sie vielen Menschen hilft " dachte sich das Danke und sagte zu der Frau: „Guten Tag, ich bin das Danke und gehöre zu dir!" Die Frau starrte das Danke entsetzt an: „Wer schenkt mir schon ein Danke! Jeder meckert hier rum und keiner hat ein freundliches Wort übrig. Außerdem will ich kein Danke bekommen, weil es bestimmt nicht ehrlich gemeint ist. Verzieh dich und such dir jemand anderes."

Sie drehte sie dem Danke den Rücken zu.

Betrübt zog das kleine Danke weiter. Bald traf es einen Mann, der in einem großen Wohnhaus als Hausmeister arbeitete. Geschäftig eilte er durch das Haus, schraubte hier, fegte dort, mähte den Rasen. „Na, hier bin ich bestimmt richtig, der Mann ist so fleißig, der wartet auf mich!" dachte das Danke und ging auf den Hausmeister zu, der mit wehendem Arbeitskittel gerade in den Keller des Hauses steigen wollte.

„Hallo, ich bin das Danke und du freust dich bestimmt über mich!"

Der Mann drehte sich auf dem Treppenabsatz um und sah das Danke griesgrämig, mit herab gezogenen Mundwinkeln an: „Da bist du an der falschen Adresse. Niemand hat mir jemals ein Danke geschenkt. Tag und Nacht schufte ich mich für die Mieter ab und keiner kam bisher auf die Idee! Nein, verzieh dich, du gehörst nicht mir!"

 

Tall Munbaqa

Angelika Haymann

In der späteren Bronzezeit, vor etwa 400 Jahren war Munbaqa eine blühende nordsyrische Stadt. Geschützt von einer gewaltigen Mauer, gingen die Menschen in Tempeln und prächtigen Wohnhäusern ihrem Tagesgeschäft nach. Die exellente Lage auf einem Hügel gewährte einen weiten Blick über das Land. Im Laufe der Zeit verlassen und verfallen, finden sich ihre Ruinen heute auf der Höhe des Aleppo am östlichen Ufer des Euphrat-Stausees. Seit Ende der sechziger Jahre finden dort Ausgrabungen statt. Den Ausgrabungshügel nennt man „Tall Munbaqa. Seit langem ziehen mich Berichte über die Vergangenheit Vorderasiens an. Fachleute vertreten die Auffassung, die Wiege der Menschheit läge dort. Begeistert lese ich entsprechende Lektüre, immer neues Material findet den Weg in meine Bücherregale.

An einem stillen Herbstsonntag streife ich durch das archäologische Museum. Außer mir befindet sich nur eine Handvoll Besucher in den Räumen. Ich höre von ferne das Murmeln ihrer Stimmen. Durch hohe Fenster fallen Sonnenstrahlen in denen Staubkörnchen tanzen. Die Ausstellung „Bronzezeit in Syrien" lockt an diesem Tag nur wenige aus ihrer häuslichen Bequemlichkeit. Gemächlich schlendere ich an den Exponaten vorüber. Grabfunde, Schrifttafeln, Scherben von Gebrauchsgegenständen fesseln meine Aufmerksamkeit.

In einem Ausstellungsraum bieten stark vergrößerte Fotografien dem Betrachter einen Einblick über das Ausgrabungsgelände. Vor einem der Fotos bleibe ich wie gebannt stehen. Es zeigt eine alte Schwarzweißaufnahme. Man erkennt einen flachen Hügel, es ist der Ringwall der Stadt Munbaqa. Ich denke: Das kennst du. Dort warst du schon einmal! Dann versinke ich in dem Foto.

Wärme umfängt mich, ich spüre einen lauen Wind über meine Haut streichen. Ich weiß: Genauso fühlt es sich an, wenn man dort steht. Ich fühle den unebenen Boden unter meinen Füßen. Jeder Stein, jedes Sandkorn heißt mich willkommen. Ein wohliges Gefühl umfängt mich, ich empfinde tiefen Frieden. Ich bin zu Hause.

Stimmen reißen mich aus meiner Versunkenheit. Besucher nähern sich. Ärgerlich gehe ich weiter durch die Ausstellung. Später, nehme ich mir vor, werde ich noch einmal zu diesem Foto zurückkehren. Immer wieder schlage ich den Weg dorthin ein, jedes Mal stehen andere Besucher davor.

Bevor ich die Ausstellung verlasse, erwerbe ich ein Buch. In diesem ist auch das Foto abgebildet.

Mein Verstand sagt mir: Du warst noch nie dort. Doch mein Innerstes weiß es besser. Oft steigt in mir die Sehnsucht auf, dieses Gefühl der inneren Zufriedenheit noch einmal zu spüren.

 



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