
Leseprobe Märchen Das Geheimnis des hohlen Baumes
© Angelika Haymann 2003
Es war einmal eine Hexe mit Namen Mathilda. Vor vielen Jahren lebte sie in einem tiefen, dunklen Wald, der sich unterhalb von Schloss Schieferstein erstreckte. Aus schwindelnder Höhe blickte König Karl I. auf das Dorf Schieferstein und ein Kloster hinab.Die Leute im Dorf fürchteten Mathilda sehr. Sie sah zwar aus, wie eine einfache alte Frau, doch verfügte sie über unheimliche Kräfte. Man sagte, sie könne tatsächlich hexen. Viele der Dörfler hatten ihre Hilfe bereits in Anspruch genommen. Junge Frauen schlichen des Nachts zu ihr und holten sich einen Liebeszauber. Hoffnungslos Kranken verabreichte sie Heiltränke oder Salben. Trotzdem blieb sie eine Außenseiterin.
Auch den Mönchen im Kloster war Mathilda nicht geheuer. Sie schlugen ein Kreuz, wenn sie ihr im Walde begegneten. Und dann, eines Tages, verschwanden zwei Kinder. Kurz darauf tötete eine Seuche viele Dorfbewohner und alle Hühner starben an einer rätselhaften Krankheit. Man flüsterte einander zu: „Das ist Mathildas Werk!" Einige sagten: „Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie sie drohte uns Dorfbewohner zu strafen, wenn wir nicht aufhören, sie zu verfolgen. Sie ist bestimmt mit dem Teufel im Bunde." Wie ein Lauffeuer ging es von Haus zu Haus. Zorn breitete sich aus, bis mit einem Mal jemand, niemand wusste später wer, schrie: „Sie ist eine böse Hexe, sie muss verschwinden!"
Leseprobe Märchen Das Geheimnis der Vorratskammer
© Angelika Haymann 2003
Es war einmal ein altes Haus. Umgeben von hohen Büschen, hinter einem schiefen Holzzaun, stand es am Dorfrand. Es duckte sich unter einem tief herab gezogenen Reetdach. Niemand wusste, wie lang es leerstand, nicht einmal die alten Leute. Doch nun quoll dicker, stinkender Rauch aus dem Schornstein. Die Dorfkinder erzählten sich flüsternd, es gehöre jetzt einer Hexe, die Kinder in Mäuse oder Steine verzaubere. In den letzten Monaten verschwanden immer wieder Jungen und Mädchen spurlos. Ob die Hexe etwas damit zu tun hatte?
Auf ihrem Schulweg mussten auch Lisa und ihre kleine Schwester Marie an dem Hexenhaus vorbei. Sie liefen immer schnell vorbei. Eines Tages jedoch blieben sie stehen, weil sich etwas im hohen Gras bewegte. Neugierig beugten sie sich über den Zaun. Plötzlich schoss fauchend eine dicke graue Katze auf sie zu. „Huch!", rief Lisa. Erschrocken setzten die Mädchen ihren Heimweg fort. Eine helle Stimme rief ihnen nach: „Tut mir Leid, wenn euch Sebastian erschreckt hat." Eine junge Frau, stand hinter dem Zaun. Ein dicker blonder Zopf fiel ihr über die Schulter. Sie hielt die strampelnde Katze fest in ihren Armen. „Kommt bitte zurück. Kann ich euch als Entschädigung für den Schreck einen Kakao anbieten? Du bist Lisa aus dem Nachbarhaus, nicht wahr? Und du ihre Schwester Marie."
Die Eltern der Mädchen ermahnten sie ständig, nicht mit Fremden zu reden. Schon gar nicht sollten sie in deren Haus mitgehen. Aber diese nette Frau konnte einfach nichts Böses im Sinn haben. Sie kannte ja sogar ihre Namen! Wie eine Hexe sah sie auch nicht aus. Die hatten rote Augen und eine dicke behaarte Warze auf der Nase.
Leseprobe Fantasygeschichte Drachenherz
© 2004 Angelika Haymann
Der Tag nahte, an dem Leolin, der Sohn des Landvogtes in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen werden sollte. Vorher jedoch hatte er einen Beweis seiner Tapferkeit abzulegen. So schrieb es die Überlieferung vor. Ein großes Fest würde der Zeremonie der Mannesweihe folgen.
Der junge Herr musste eine Zacke aus dem Schwanz des gefürchteten Drachen erbeuten. Beim Gedanken an die Mutprobe zitterte sein Herz. Aber Leolin ließ sich nichts anmerken. Er versteckte seine Furcht hinter großspurigen Reden. „Ha, soll er nur kommen! Ich werde ihm schon zeigen, wer sein Meister ist!" Leolin warf seine dunklen Locken, die im Nacken von einem ledernen Band gehalten wurden, zurück und reckte triumphierend den Arm in die Höhe.
Der junge Herr war ein gutaussehender Mann, fürwahr, schlank und doch muskulös. Viele Frauen warfen ihm heimlich begehrliche Blicke zu. Auch Liliana, die hübsche Schäfertochter, war gekommen um Leolin zu verabschieden und hoffte auf einen Blick von ihm. Dieser bemerkte es wohl, wandte ihr jedoch den Rücken zu.
Enttäuschung stieg wie bittere Galle in Liliana auf. ‚Für heimliche Liebesstunden bin ich gut genug’, dachte sie. Doch vor anderen tat er, als wäre nichts zwischen ihnen. Schluss damit! Mochte er des Nachts an ihr Fenster klopfen, von nun an blieb es für ihn verschlossen.
Tränen schossen in ihre Augen. Sie blinzelte und hob stolz den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf Armander, den jungen Schmied, der neben Leolin einheritt. Beide Männer führten Waffen mit. Leolins Bogen war kunstvoll verziert, aus leichtem Holz geschnitzt. Weiterhin trug er einen beidseitig geschliffenen Dolch, ein Geschenk seines Vater zu diesem besonderen Tag. Armander trug einen Hirschfänger und ebenfalls einen Bogen, jedoch in einer schmucklosen Ausführung, seinem Stand angemessen.
Liliana wusste, dass der Schmied seit langem in sie verliebt war. Er würde Leolin auf seiner gefährlichen Reise begleiten, so hatte die Gemeinschaft entschieden. Armander war ein sanfter Riese mit dem schlichten Gemüt eines Kindes, ohne Arg und stets an das Gute im Menschen glaubend.
Hochrufe rissen die junge Frau aus ihren Gedanken. War es soweit? Sie strahlte den Schmied an und beugte sich der bitteren Erkenntnis, dass ihr Geliebter ihre Liebe weiterhin verleugnete.
Leseprobe Fantasygeschichte Mittsommernacht
© 2004 Angelika Haymann
Komm mit mir auf die Lichtung im Wald. Heute ist die Sommernacht, in der die Elfen sichtbar werden. In dieser einen Nacht im Jahr tanzt die Elfenkönigin mit ihrem König und dem Elfenvolk im Mondschein. Grillen begleiten auf ihren Violinen den Reigen. Taumelnd, flirrend, sinnestrunken schweben sie durch die silbernen Strahlen des vollen Mondes und ihre zarten Flügel glitzern im Mondlicht. Einige Menschen nennen die Elfen in Unkenntnis Glühwürmchen.
Pst, sei leise! Du darfst sie nicht stören, sonst unterbrechen sie ihren Tanz. Du glaubst nicht an Elfen? Ich erzähle ich dir eine Geschichte und dann reden wir noch einmal darüber.
Vor langer Zeit glaubten die Menschen an Elfen. In einer ebenso lieblichen, milden Sommernacht wie heute feierten Menschen und Elfen, wie in jedem Jahr, gemeinsam die Mittsommernacht. Darauf freuten sie sich das ganze Jahr. Bot es ihnen doch die Möglichkeit, ihre Verwandten wiederzusehen und alte Freundschaften zu erneuern.
Wie nach jeder Mittsommernacht kehrte eine auserwählte Elfe nicht in die Anderswelt zurück. Ein ganzes Jahr lang durfte sie an der Oberwelt verweilen. In dieser Zeit suchte sie sich einen Liebsten, der ihr in die Elfenwelt folgen und gemeinsam mit Kerilis bis zur nächsten Mittsommernacht das Elfenvolk regieren. Bisher fand stets ein Paar zusammen, seit Elfengedenken.
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